von Wiglaf Droste, Vincent Klink, Nikolaus Heidelbach
"Wenn ihr uns trinkt - wirken wir nicht?
Ein kleiner Tischwein erzählt
Wiglaf Droste
Leseprobe:
Ich lag im Keller. Es war dunkel, es war kühl, es war angenehm. Zusammen mit ein paar tausend anderen hatte man mich erzeugt, abgefüllt und zwischengelagert. Erst dann hatte man uns zur letzten Station unserer Reise gebracht und dort eingekellert. Wir waren nicht auf Rosen gebettet und lagen auch nicht auf Heu und auf Stroh, eher ein bisschen hart, aber im Regal war es sauber und gepflegt, und, wie mein etwas trockener Nachbar immer sagte: Wir sind schließlich nicht aus Zucker.
Ich war in weitgehend guter Gesellschaft und fühlte mich wohl. Freunde und Blutsverwandte lagen hier, viele kamen aus demselben Fass. Wein ist dicker als Wasser.
Es war ein geregeltes Leben, aber kein eintöniges. Wir lagen nah beieinander, flüsterten und erzählten uns Geschichten, schliefen oder träumten. Ich stellte mir vor, meine große Stunde schlüge bei einem Rendezvous. Eine junge Frau und ein junger Mann, ein Menü, Blumen, gedämpftes, warmes Licht, alles wäre voller Liebe, Zauber und flirrender Spannung, dann käme ich auf den Tisch, die beiden probierten mich, ich schmeckte ihnen, täte ihnen wohl und befeuerte sie zu den schönsten Worten und Taten. Hach! Ich schwelgte.
Als ich meinen Traum einmal meinem Nachbarn erzählte, bedachte er mich mit einem skeptischen Blick und meinte, ich hätte wohl etwas nah am Wasser gebaut. Pfffhh-! Sollte er doch denken, was er wollte. Ein paar Tage später holten ihn die Sommeliers ab. Ich trauerte dem hartherzigen, essigsauren Kerl nicht nach. Allerdings hoffte ich, dass er keinem Liebespaar vorgesetzt würde. An dem sollte sich besser ein gelangweilter Weinkritiker die Zunge schmutzig machen.
Wenn die Sommeliers zu uns in den Keller kamen, wussten wir, dass es auf die letzte Etappe gehen konnte. In anderen Regalen lagen Flaschen, die noch für ihre Trinkreifeprüfung büffeln mussten und deshalb noch nicht an der Reihe waren. In unserem Regal aber war jedermann bereit, entkorkt und getrunken zu werden. Dafür waren wir da, dafür hatte man uns gemacht. Ewiges Leben war uns nicht beschieden und wäre uns auch nicht gut bekommen; irgendwann wären wir umgekippt. Die Aussicht auf die Vollendung des Lebens schreckte keinen von uns. Niemand war traurig oder hatte Angst.
Aber aufgeregt und gespannt waren wir, und selbstverständlich wünschte sich jeder von uns einen gewandten Sommelier, der den Korken vorsichtig aus der Flasche ziehen würde."Ich sage ihm dann einfach:'Sei zärtlich zu mir, es ist für mich das erste Mal! ", zwitscherte eine Nachbarin und kicherte. Wir hatten die Weinkellner inzwischen ganz gut kennengelernt und große Unterschiede bemerkt. Manche betrachteten die Flaschen aufmerksam und beinahe liebevoll, bevor sie einige davon behutsam aus dem Regal nahmen; andere waren gleichgültig, manche sogar mürrisch und grob.
Es war einer dieser Rohlinge, mit dem ich es zu tun bekam. Muffelig kam er in den Keller gelatschtund dünstete Unmut aus. Er war mir schon ein paarmal unangenehm aufgefallen; auch mit unseren Mitteln war ihm nicht zu helfen. Eigentlich sind wir ja für gutes Seelenwetter zuständig, aber gegen schlecht gestimmte Mumpfklumpen ist der beste Wein machtlos. Der Kerl polterte durchs Gewölbe und schimpfte vor sich hin."Ein kleiner, unkomplizierter Tischwein soll es sein. Soso. Geht es vielleicht ein bisschen präziser?"Er näherte sich unserem Regal, streckte eine derbe Hand aus - und ergriff mich..."
Wiglaf Droste, geboren 1961, lebt in Berlin. Er schreibt u.a. in der "tageszeitung", der "Weltwoche" und in "junge welt". Er ist viel unterwegs, am liebsten mit dem Essener Spardosen-Terzett, mit dem er die CD "Für immer" aufgenommen hat. Gemeinsam mit Vincent Klink gibt Wiglaf Droste die Zeitschrift "Häuptling Eigener Herd" heraus. Hin und wieder erscheint eine Auswahl seiner Kolumnen als Buch. 2005 erhielt der Schriftsteller, Lyriker und Satiriker den "Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis".
Vincent Klink ist Chef des Nobelrestaurants Wielandshöhe über Stuttgart, Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher über das Eßvergnügen. Er ist Moderator der beliebten Fersehsendungen "ARD-Buffet" und "Kochkunst mit Vincent Klink".
Nikolaus Heidelbach, geboren 1955 in Köln, studierte Germanistik. Er zeichnet und illustriert seit vielen Jahren und lebt heute als freischaffender Künstler in Köln. 2000 erhielt er den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises.